18.03.2007
Kommentar zum Artikel in Süddeutsche Zeitung
vom 14.3.2007 "Das Ende der NATO" von Christoph Schwennicke
und vom 10.3.2007 "Ein Nein auf 57 Seiten" von Heribert Prantl
Heißt verantwortungsvolles Tun, dabei zu helfen Bomben und Raketen zu werfen?
Die Erweiterung des NATO-strategischen Konzepts erfolgte in Deutschland
de facto, anders als 1955, ohne ein ausdrückliches Zustimmungsgesetz. Gegen "den weltweiten Terrorismus" müsse die NATO weltweit eingreifen können, hieß es gemäß der Paranoia der Bush-Regierung seit dem 11.9.2001.
Der Begriff der Verteidigung ist durch die USA längst ausgehöhlt
worden. Ständige wiederholte US-Aggressionen plagen die letzten
Jahrzehnte. Der Angriffskrieg im Irak 2003 wurde vom
Bundesverwaltungsgericht ausdrücklich als völkerrechtswidriger
Angriffskrieg bezeichnet. Der Krieg gegen Jugoslawien 1999 ergab sich
auch völkerrechtswidrig. Der Krieg in Afghanistan 2001 wurde ebenso
von keiner UN-Resolution gedeckt. Im weiteren Verlauf hat die
US-Regierung eine neue Militärstrategie verabschiedet. Es sind
faktische Änderungen des NATO-Vertrages, welche die USA der Allianz in den vergangenen Jahren aufgezwungen hat. Als Anti-Terror-Bündnis im
Sinne der US-Kriegspolitik hat sich die NATO in eine aggressive
Organisation für einen pauschalen Krieg gegen den Terror verwandelt.
Die damalige Erklärung von NATO-Generalsekretär Robertson lautet,
die NATO betrachte die Terroranschläge in den USA als Angriff auf das
gesamte Bündnis, "falls" - hier ist der entscheidende Punkt -"der
Angriff vom Ausland aus gesteuert worden sein sollte".
Offenbar gab es in diesem Punkt Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO: Vertreter der Niederlande, Belgiens und Portugals hatten sich gegen eine Feststellung des Bündnisfalls ausgesprochen.
Die undurchsichtige Motivation des Kabinettsbeschlusses zielte auf eine verschwiegene Interessenlage. Es gab keine Anforderung der USA für eine deutsche militärische Beteiligung in Afghanistan, als die
US-Regierung mit den Bombenangriffen auf Afghanistan begann und auch
später nicht. Welches Interesse trieb Gerhard Schröder, sein Land in
diesen Krieg zu verwickeln? Diese Frage zwar berechtigt, ist nicht
geklärt worden.
Ein verantwortungsvoller Außenminister müsste sich endlich von
Bedingungen einer Allianz zum Krieg und Invasion in ein fremdes Land, in eine Krisen-Region klar und deutlich distanzieren. Sonst verfällt er in blanken Zynismus und gravierende demagogische Konfusion, wenn er
für den Frieden mit dem Instrument des Krieges plädiert.
Verantwortung gilt in erster Linie für die eigene Bevölkerung, auch
aber für die wehrlose Bevölkerung anderer Regionen der Welt. Heißt
verantwortungsvolles Tun dabei zu helfen, Bomben und Raketen zu werfen?
Die Frage, die zur Verantwortlichkeit Deutschlands überhaupt nicht
gestellt wird, ist: Kann eigentlich militärische Gewalt dazu beitragen
Konflikte zu lösen, sie unter Kontrolle zu bringen, vor allem in
Krisen-Regionen wie Afghanistan und Pakistan?
Jenseits einer allgemeinen Verurteilung des Terrorismus ging es darum,
dieses Problem an seiner Wurzel zu packen. Selbstjustiz, nämlich
Lynchjustiz ist keine angemessene Antwort auf Terror. Sie hilft
überhaupt nicht. Im Gegenteil. Terror gegen Terror anzunehmen und
auszuüben bedeutet der Verfall in eine endlose Kette der Gewalt:
Anstatt die mörderische Gewaltkette zu durchbrechen, lässt man sich
wider Willen in eine Eskalation treiben. Justiz und Autorität haben
nichts zu tun mit brutaler Gewalt, von kriegerischen Akten ganz zu
schweigen, auch wenn die größte Macht der Welt dahinter steckt. Das
Problem muß mit einer Kultur der Zivilisation behandelt werden, wie es
die Reaktionen des kultivierten englischen Milieus zeigen.
In "The Guardian" findet man schon in den 90er Jahren eine zivilisierte Orientierung hinsichtlich der Gewalt-gegen-Gewalt Problematik:
"such acts undermine the consensus for a global rule of law which the US asserts directly and through the UN"
(The Urge to vengeance - It's not the right answer, The Guardian, 22.8.1998).
Offensichtlich waren die Argumente des damaligen SPD-Kanzlers für den
militärischen Einsatz nicht überzeugend, so dass er kapitulieren
musste und die Entscheidung des Parlaments in eine Vertrauensfrage
umwandelte. Die Sache interessierte ihn nicht mehr, sondern einfach nur seine Macht zu erhalten, koste es, was es wolle. Ob Militäreinsatz
noch sinnvoll war für die Lösung politischer Probleme blieb
unbeantwortet, sowohl vom damaligen SPD-Kanzler wie auch von der
damaligen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, die plötzlich aus ihrer
angekündigten Position ein Rückzieher machte.
Abgesehen von den Machtpolitikern, handelte es sich damals wie heute im Bundestag um eine Gewissensfrage anstatt einer Machtfrage, eine
Gewissensfrage im wahren Sinne des Grundgesetzes, das einen Abgeordneten verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen eine individuelle persönliche Entscheidung im Parlament zu treffen, sich also nicht primär von der Frage des Vertrauens in eine Regierung leiten zu lassen. Die Kanzlerin selbst ist an das Grundgesetz gebunden. Sie darf nicht am Rand der Verfassung handeln, sonst verliert sie auf jeden Fall das Vertrauen der Bevölkerung, indem sie ihre Macht nicht im Rahmen des Rechts einschränkt.
Wie schon gesagt, schlug Amerika nicht das erste Mal am 7.10.2001 den
falschen Weg ein, wenn es auf die Provokation von verbrecherischen
Attentaten mit gleichermaßen abscheulichen Bombenterror antwortet. Die
Skrupellosigkeit Amerikas gegenüber Menschen ist abstoßend, wenn es
Bomben und Raketen auf die ärmsten Regionen der Welt abwirft.
In einer Kultur des Rechts und der Zivilisation ist Selbstjustiz
ausgeschlossen.
Gez.
Luz María De Stéfano de Lenkait,
Juristin und Diplomatin a.D.