Vortrag von Sabine Leidig am Mittwoch, 13.08.03 in der „Walhalla“ zum Thema:
attac und die Agenda 2010
- sie hat aufgrund von statistischen Daten und Entwicklungskurven der landläufig verbreiteten These widersprochen, dass der Sozialstaat am Ende sei, dass er die ausufernden Kosten nicht mehr tragen könne und dass er daher „reformiert“ werden müsse.
- sie hat die Widersprüche zwischen Tatbeständen und veröffentlichter bzw. öffentlicher Meinung aufgewiesen
- sie hat über die Aufgaben für attac gesprochen.
I. Entwicklung der Sachverhalte
Ein Vergleich der realen Nettolöhne und der realen Nettogewinne zwischen 1960 und 2000 ergibt folgendes: Beide Kurven entwickelten sich zwischen 1960 und Mitte der 90er Jahre etwa parallel ansteigend. Von da an knicken die realen Nettolöhne nach unten weg. Von da an knicken die realen Gewinne nach oben Wichtig dabei ist, dass diese Auseinanderentwicklung nicht durch einen Knick im Wachstum des BIP erklärt werden kann. Anteil der Sozialleistungsquote: (Quote ist Anteil am der staatlichen Sozialausgaben am BIP) Historisches: Zwischen 1960 (Adenauer) bis Mitte 70er Jahre(Brandt, Schmidt) ist der Anteil kontinuierlich gestiegen und hat sich Mitte der 70er Jahre auf 33% eingepegelt. Dieser Tatbestand war aber positiv besetzt (Sabine zitiert einen Ausspruch Adenauers vor dem Bundestag, wo er die Höhe der Sozialausgaben verteidigt als notwendig im Kampf gegen den Kommunismus) Heute liegt der Anteil immer noch bei 33%, obwohl allein der Posten der Arbeitslosenversicherung aufgrund des Anstiegs der Arbeitslosen um ein Vielfaches gewachsen ist. Veränderung der Altersstruktur Die erfreuliche Tatsache, dass Menschen älter werden, hat dazu geführt, dass der Anteil der Bevölkerung größer geworden ist, der nicht produktiv ist. Da gleichzeitig die gesamte Produktivität und der Reichtum der unserer Gesellschaft enorm gestiegen ist (in den vergangenen 10 Jahren um etwa 500 Milliarden €), besteht das Problem nicht darin, dass die Alten nicht gut mitversorgt werden könnten. Schlussfolgerung: Das Problem ist eine Frage der Verteilung, nicht eine Frage der zur Verfügung stehenden Mittel. Dieses Problem wird aber nicht als solches wahrgenommen, dafür sorgt die Veränderung der öffentlichen Meinung nach der sog. „geistig-moralischen Wende seit 1982, dem Antritt der Kohlregierung. Der Wertvorstellungen, die bis dahin den gesellschaftlichen Konsens bestimmt hatten: bestanden in der Grundtendenz, dass das Fernziel einer sozialen Gerechtigkeit durch Umverteilung angestrebt werden müsse, und dass dieses Ziel gut sei. Dies wurden ersetzt durch ein neues Menschenbild, das des Homo ökonomikus, wonach die Qualität jeglichen Handelns nur an ihrem wirtschaftlichen Output zu messen sei. Es wurde mit den bekannten Klischees wie „Leistung muss sich wieder lohnen“ oder „das Anspruchsdenken derer, die nichts schaffen“ usw. ins Bewußtsein aller Menschen gehoben und hat sich dort mittlerweile als unumstößliche Wahrheit festgesetzt. Es sind eben die neuen Werte des Neoliberalismus, die inzwischen als selbstverständlich und unanfechtbar gelten. Dieses neue Bewusstsein legitimiert nun grundsätzlich „die Reform (= Abbau des Sozialstaates, damit die Wirtschaft wieder in Gang Kommt“ (vgl. dazu auch die von SPD-Generalsekretär Olaf Scholz eingeleitete programmatische Eliminierung des „demokratischen Sozialismus“ aus der SPD-Programmdebatte (d.Prot.). Mit dieser Diskreditierung des Sozialen geht einher der Konsens über die Steuersenkungen(Steuernachlässe, von denen in erster Linie die Besserverdienenden profitiern, werden vom Konsens in der Bevölkerung für richtig erklärt.) Subventionsabbau wird für notwendig und richtig erklärt (trifft in erster Linie die Geringverdienenden, z.B Pendlerpauschalen, wo gleichzeitig „Flexibilisierung“ verlangt, das man seinen Arbeitsplatz selbstverständlich den vorhandenen Arbeitsplätzen und nicht den eigenen Bedürfnissen unterordnen muss) Aufgrund eines Bewusstseinswandels der Öffentlichkeit werden die Maßnahmen, die unter dem Begriff Agenda 2010 zusammengefasst sind, genau von der Öffentlichkeit als richtig empfunden, der sie eigentlich schadet. Dabei lässt sich die Agenda 2010 in eine Entwicklung einordnen, die schon länger anhält, die weltweit sich erkennen lässt und deren Ende nicht abzusehen ist. Zentrale Ziele sind: Senkung der Lohnkosten (Infragestellung der Tarifautonomie) > Eingriffe in Arbeitslosengeld / Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe werden zusammengelegt /Zwang, jede Arbeit zu übernehmen / Angedacht bereits Sachleistungen (das Asylbewerberleistungsgesetz lässt grüßen) Privatisierung und Kommerzialisierung von sozialer Sicherung > „Kompromiss“ in der Gesundheitsreform geht zu Lasten der Patienten und Kranken / Privatisierung von Altenpflege Steuersenkungen (die vor allen den Vermögenden und Gutverdienenden nützen) / der staat macht sich (die Kommunen, die Länder usw. arm) > gezielter Druck zur Privatisierung öffentlicher Güter / Einrichtungen („Cross Border Leasing“ / Landeskrankenhäuser verkaufen …)