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EnBWThermoselectMeldung

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 05.07.2003

Nur vollmundige Versprechungen

Die Historie von Thermoselect

Thermoselect hätte eine Erfolgsstory werden sollen. Tatsächlich ist es eine Geschichte von Pleiten und Pannen. Viele hundert Millionen wurden investiert, ohne dass es sich bisher rentiert hätte.

Von Meinrad Heck, Karlsruhe

Die Technik galt als revolutionär. Mitte der neunziger Jahre begannen Ingenieure im Schweizer Tessin damit, Müll in Hochtemperaturreaktoren zu vergasen. Übrig blieb ein Granulat, das sich etwa im Straßenbau verwenden ließe, und als Nebeneffekt sollte die Abwärme der Anlage ebenfalls noch Gewinn bringend genutzt werden. Die Erfinder beharrten darauf, dass beim Schadstoffausstoß sämtliche Grenzwerte deutlich unterschritten werden, und an diesen vollmundigen Versprechungen sollte die Technik ein ums andere Mal scheitern. In Karlsruhe wurde eine Pilotanlage errichtet, die 225 000 Tonnen Müll pro Jahr verarbeiten sollte. Aber der Teufel steckte im Detail, die Anlage war technisch anfälliger als gedacht. Sie lief nie wirklich auf Hochtouren, eine Behördenauflage jagte die nächste, und Bürgerinitiativen schrien auf bei jedem Nanogramm Dioxin, das noch aus den Schornsteinen rauchte.

Dazu kam, dass sich im Tessin seit Jahren Korruptionsvorwürfe hielten, obwohl sie nie bewiesen wurden. Heute noch ist es der EnBW? peinlich, dass Thermoselect auch in Baden-Württemberg der CDU 1995 eine 100 000-Mark-Spende zukommen ließ. Und bis heute wurde nie so recht klar, warum die Thermoselect Holding sich ausgerechnet in Liechtenstein niederließ und ob die EnBW? dort ihren vorgesehenen Anteil von 25,1 Prozent am Stammkapital von 20 Millionen Schweizer Franken gezahlt hat.

Das mögliche Ende wurde ausgerechnet in der Heimat von Thermoselect eingeleitet. Der Kanton Tessin stieg im Sommer 2000 aus dem Müllvertrag mit dem Betreiber aus, weil die Vorzeigeanlage in Karlsruhe nicht halten konnte, was sie versprach. Und bisweilen färbte auch der Flowtex-Skandal auf den Müllofen ab. Ein Ableger der milliardenschweren Betrugsfirma namens Flow-Waste hatte versucht, die Anlage für mehrere hundert Millionen Euro ins österreichische Kärnten zu verkaufen - erfolglos. Nach dem Tessin winkten auch Interessenten aus Franken und Hessen ab, nur Karlsruhe blieb noch übrig. Und dort setzten Kritiker die Müllmanager unter Druck. Staatsanwaltschaften leiteten Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das Abfallgesetz ein und stellten ihre Nachforschungen nach Monaten ergebnislos wieder ein. Das Regierungspräsidium sah beteiligten Tüv-Gutachtern, die die Sicherheit der Anlage bestätigten, immer aufmerksamer auf die Finger. Was blieb, war das Image einer Pannenanlage. Brennkammern mussten nachgerüstet und Kunden vertröstet werden.

Der EnBW?-Chef Utz Claassen sieht Thermoselect kritisch, und zu dieser Haltung hat womöglich auch die Bürgerinitiative Das bessere Müllkonzept beigetragen. Sie rechnete ihm vor, dass die Anlage für die Müllbehandlung die vierfache Menge Erdgas, doppelt so viel Sauerstoff und dreimal so viel Wasser einspeisen muss wie ursprünglich angenommen: Größenordnungen im Bereich von vielen hunderttausend Tonnen, weshalb die Bürgerinitiative die Anlage für "nicht wirtschaftlich betreibbar" hält.

Aktualisiert: 05.07.2003, 05:07 Uhr

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/455679

Version r1.1 - 06 Jul 2003 - 15:10 GMT - ArneBab
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