Evian 2003, Berichte
Stichworte von ArneBab
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Das hier ist erstmal eine kurze Zusammenfassung, kein ganzer Bericht. Später wird es sicher mehr. Erstmal allerdings nur eine Liste von Stichwörtern. Es ist auch bisher nur meine Meinung. Scheut euch nicht etwas hinzuzufügen, oder alles durch einen richtig bearbeiteten Text zu ersetzen.
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ArneBab
Die Proteste waren:
- größtenteils Gewaltfrei
- Sehr interessant
- Die Phantasie anregend
- Wirklich interkulturell
- äußerst Sonnenbrandgefährlich
- Die Blockade wurde mit Tränengas angegriffen, ist aber nicht eskaliert. Brennende Barrikaden dienen dazu das Tränengas nach oben zu blasen, nicht dazu den Polizisten zu schaden.
- Von den Berichten über Gewalt auf den Demos im Fernsehen haben wir fast nichts mitbekommen.
- Unsere Demo ging von Annemasse nach Genf (Grenze), die Entgegenkommende aus Genf soll Krawalle erlebt haben.
- Fast die gesamten Demonstrationen von und in Annemasse waren Gewaltfrei.
- Die BNN hat heute darüber berichtet. Der Satz "...mindestens 50.000 ... gewaltfrei" sagt meiner Meinung nach für die BNN sehr viel aus.
- Aus Karlsruhe war zumindest die AttacJugend mit ein paar Unterstützern/Freunden dabei. Ein paar Andere wohl auch, aber die habe ich (bis auf zwei Ausnahmen) nicht getroffen.
- Am Sonntag Abend gab es eine Solidaritätsdemo mit dem Verletzten und den in dem Museum eingeschlossenen Demonstranten, die nach einem längeren Plenum mit einem Solidaritätskonzert zusammen mit den Leuten vom Vaaag Dorf ihren Abschluss fand. Es kam meines Wissens nach zu keinen Ausschreitungen und die Polizei hielt sich so weit im Hintergrund, dass wir sie auf dem Hinweg nur einmal am Ende einer Straße sahen. Ich habe allerdings zusammen mit der Bezugsgruppe (Leute aus Müllheim, Köln und Karlsruhe) die Demo am Anfang des Konzerts verlassen, und dadurch die ganzen Mannschaftswagen der Polizei gesehen, die in Seitenstraßen versteckt waren.
- Bei unserer ersten Demo in Annemasse ("Wir sind keine Barbaren, die Barbaren sind die Anderen") waren noch viele Geschäfte in Annemasse mit Spanplatten verbarrikadiert.
- Bei unserer zweiten Demonstration am Sonntag waren die meisten Spanplatten wieder entfernt, und einige Bewohner von Annemasse haben uns sogar Getränke heruntergeworfen (worüber alle glücklich waren, weil es die ganzen Tage verdammt heiß war).
- Bei unserer Solidemo Sonntag Abend/Nacht haben sich uns dann auch Bürger von Annemasse angeschlossen.
Bericht von Rasmus Grobe und Oliver Moldenhauer
Von:
gruppen-bounces@listen.attac.de
Analyse und Kommentar zur Blockade des Evian-Gipfels bei
Annemasse
Die Blockade der Route Nationale Annemasse-Evian war in
vielfacher Hinsicht ein wichtiger Erfolg für unsere Bewegung.
Unser Ziel war es, eine der drei zentralen Zufahrtsstraßen zu
blockieren. Das ist uns gelungen. Dadurch, dass zur gleichen Zeit
bei Lausanne und zwei weitere Zufahrtswege durch Blockaden
unpassierbar wurden, kamen Übersetzer, die für den Gipfel
gebraucht wurden, nicht bis nach Evian durch und der Beginn des
Gipfels musste wegen unserer Blockaden um einige Stunden
verschoben werden.
Über 9 Stunden haben wir die Blockade der Straße aufrecht
erhalten - länger, als das viele von uns vorher selbst erwartet
hätten und länger als alle anderen Blockaden, die es während des
G8-Gipfels gab.
Insbesondere in den den Medien der Bundesrepublik wurde die
Blockade mit großer Aufmerksamkeit beachtet, sie war das
herausragende Ereignis in der Berichterstattung rund über den
G8-Gipfel an diesen Tag (z.B. in der Tagesschau). Besonders
wichtig war diese Aktion aber auch für unsere Bewegung selbst:
für alle, die dabei waren, waren es intensive und lehrreiche
Tage. Viele, die nach Annemasse gefahren waren, hatten zuvor noch
nie an einer Aktion Zivilen Ungehorsams teilgenommen. Aber auch
viele Aktionserfahrenere war es eine neue Erfahrung mit Tränengas
beschossen zu werden. Das Erleben von Polizeigewalt hat für die
meisten auch ganz persönlich eine Erweiterung der eigenen Grenzen
bedeutet. Das gilt auch für Erfahrungen mit Basisdemokratie vor
und während der Aktion. Nicht zuletzt haben sich alle, die an der
Aktion teilgenommen haben, in kurzer Zeit sehr intensiv
kennengelernt - es sind Freundschaften und neue Kontakte
entstanden - auch über Nationalitäten und Sprachgrenzen hinweg.
Und auch für die Zusammenarbeit und das gegenseitige Kennenlernen
unterschiedlicher Herangehensweise der Aktivisten verschiedener
Länder war diese Aktion sehr wertvoll und erlebnis- und
lehrreich.
Zum Erfolg dieser Aktion hat vieles beigetragen: vor allem
natürlich die über 2000 Menschen, die die Aktion gemacht haben.
Wichtig war aber auch die Erfahrung, die von vielen verschiedenen
Menschen in die Vorbereitung eingebracht wurde: aus Deutschland
von großen gewaltfreien Sitzblockaden wie X-tausendmal quer oder
resist, aber auch aus Holland und den USA und natürlich die
Erfahrungen der französischen Aktivisten. So kam es, dass es am
Tag vor der Aktion ein internationales Aktionstraining stattfand,
angeleitet von Aktivisten aus vier verschiedenen Ländern, die
sich erst am Tag zuvor kennengelernt hatten.
Natürlich gibt es vieles, was anders und besser hätte laufen
können. Wichtig war daher die Nachbereitung und Reflexion, um für
zukünftige Aktionen lernen zu können.
Viel zu wenig Zeit war für die Vorbereitung, um zum Beispiel die
Aktivisten aus anderen Ländern und Zusammenzuhängen
kennenzulernen, die unterschiedlichen Kulturen und Erfahrungen
mit Aktionen zivilen Ungehorsams und Demonstrationen
auszutauschen und notwendige Vereinbarungen für die Blockade zu
treffen. Vor und während der Aktion mussten auch Sprachbarrieren
überwunden werden. Insbesondere die gemeinsame
Entscheidungsfindung auf der Aktion waren nicht optimal. So gab
es Unklarheit bei der Entscheidung die Blockade zu beenden. Hier
fehlte unter anderem eine Einbindung aller
AktionsteilnehmerInnen?
in das Modell der Bezugsgruppen und des
SprecherInnenrates?, ein
bewusster Umgang mit Informationen und Gerüchten, vor allem aber
wichtige Vereinbarungen, die im Vorfeld der Blockade hätten
getroffen werden müssen, wie zum Beispiel ein Szenario für die
Beendigung der Aktion.
Wenngleich es uns durch aktive Pressearbeit gelungen ist, für
eine breite Berichterstattung über die Aktion in den Medien zu
sorgen, war deren Tenor jedoch leider teilweise nicht in unserem
Sinne. Wieder einmal mussten wir hier erfahren, dass Medien
Meinung machen und es gilt daran zu arbeiten, das langsam zu
verändern.
Einige Sachen sind aber auch einfach außerordentlich gut
gelaufen. So war die schnelle und ausreichende Versorgung mit
Essen und vor allem Wasser sehr wichtig und hat sehr zu der guten
Stimmung auf der Aktion beigetragen. Hierbei haben auch einige
AnwohnerInnen? mitgeholfen, die uns vor allem unterstützt haben,
nachdem sie selber mit Tränengas beschossen wurden.
Ermutigend war die Vielfalt der Menschen, die an ihr teilgenommen
haben - im Rahmen der Aktion gab es für alle eine Möglichkeiten,
sich zu beteiligen - und alle waren wichtig: die vielen, die auf
der Straße gesessen haben oder auch am Rand im Schatten, genauso
aber auch diejenigen, die über viele Stunden ganz vorne
Tränengrasgranten mit Grassoden und Wasser löschten oder die
Barrikade verstärkten.
Für viele überraschend war auch der Umgang damit, dass einige
Teilnehmer der Aktion mit ihren Handlungen sich außerhalb des
Grundkonsenses für die Aktion bewegten. Gerade aber
Entschlossenheit, die Blockade mit Mitteln des Zivilen
Ungehorsams durchzuführen, hat wohl dazu beigetragen die
Gewaltbereitschaft einiger weniger zu zügeln. Andererseits war es
die Entschlossenheit und die Ausdauer derjenigen in den ersten
Reihen, die auch den Mut der anderen wachsen ließ und zugleich
die Blockade schützte. Dennoch wird es für die Zukunft wichtig
sein zu überlegen, wie bei zukünftigen Aktion dafür gesorgt
werden kann, dass eine Aktion Zivilen Ungehorsams auch eine
gewaltfreie Aktion bleibt.
Wie geht es jetzt weiter?
Es ist wichtig, jetzt die Erfahrungen von Evian weiterzutragen in
unsere Städte. Vielerorts wird es in den nächsten Tagen
Report-Back-Veranstaltungen geben. In diesem Zusammenhang wird es
wichtig sein, den G8-Gipfel in den Kontext zu bringen mit den
Themen, die uns in Deutschland in den nächsten Monaten
beschäftigen werden: die Agenda 2010 und der neoliberale
Großangriff auf unsere Gesellschaft. Es wird unsere Aufgabe sein,
einen attac-spezifischen Zugang zum drohenden Sozialabbau zu
finden. Evian kann hier eine Brücke sein.
Für Attac und in die globalisierungskritische Bewegung gibt es in
den nächsten Monaten einige Anlässe, die für eine Weiterführung
des Protestes fortzusetzen. Einer davon wird die
WTO-Ministerkonferenz im September in Canun sein. Der 9.
September ist der internationale Aktionstag - parallel zu
Aktionen in Cancun soll es überall auf der Welt Blockaden der
WTO-Delegierten und ihrer Ministerien geben.
Es wird mehrere Möglichkeiten geben, um gemeinsam die Diskussion
über Inhalte und Strategien fortzusetzen: im August die
Sommerakademie in Münster, der Ratschlag im Herbst und das
Europäische Sozialforum in Paris im November. Ganz wichtig ist es
auch, die Erfahrungen von Evian weiterzutragen und für die
weitere Arbeit von Attac zu nutzen. Dazu gehört vor allem die
Erkenntnis, dass das Spektrum von Handlungsmöglichkeiten viel
größer ist als die, die wir bisher genutzt haben. Wir haben
erfahren, dass wir Zivilen Ungehorsam konkret umsetzen können und
für viele ist die Schwelle jetzt niedriger, auch zu diesem Mittel
zu greifen. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass unsere
Aktionen auch im Verhältnis stehen müssen zu den Zielen, die wir
erreichen wollen und vermittelbar sein müssen. Zudem ist Ziviler
Ungehorsam auch nur unter bestimmten Bedingungen ein legitimes
Mittel.
Wichtig ist auch, aus dieser Blockade zu lernen und die Lehren
für künftige Aktionen Zivilen Ungehorsams zu berücksichtigen. -
Wir sollten jedenfalls weiter daran arbeiten, übrigens auch an
immer wieder neuen Aktionsformen - Vielleicht kann bald schon
ziviler Ungehorsam im Internet genauso wirkungsvoll sein wie auf
der Straße.
So kann es dann mehr und mehr auch in Deutschland auf den Straßen
vor Ministerien, Großkonzernen und Gipfeln der Mächtigen dieser
Welt heisst: ¡No Pasaran! - Nicht aus Revolutionsromantik,
sondern weil wir damit Aufmerksamkeit für unsere Themen erringen
können und unseren Protest gegen die ungerechte, tödliche
Weltordnung ausdrücken können.
Rasmus Grobe und Oliver Moldenhauer