Offener Brief vom 15.09.2006
an die Bundestagsabgeordneten Wahlkreise Karlsruhe Stadt und Landkreis
Karin Binder, Johannes Jung, Sylvia Kotting-Uhl, Ingo Wellenreuther,
Patrick Meinhardt, Axel E. Fischer, Jörg Tauss,
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit diesem Schreiben möchten wir Sie erneut auffordern, zu verhindern,
dass deutsche Soldaten in den Libanon geschickt werden. Die
"Einwilligung" der libanesischen Regierung, die Souveränität über ihr
Staatsgebiet durch Duldung der Besatzung und Kontrolle seiner
Außengrenzen durch fremdes Militär teilweise aufzugeben, ist regelrecht
erpresst worden.
Dies geschah durch massive, kriegerische Gewaltanwendung über mehrere
Wochen, die in ihrer Form einem Akt des Terrors glich: mit einer
Unverhältnismäßigkeit der Mittel wurden von Israel wegen zwei gefangen
genommener israelischer Soldaten Tausende libanesischer Zivilisten
getötet, lebenswichtige Infrastruktur im Libanon zerstört und eine
Blockade der See- und Lufthäfen über lange Zeit aufrecht erhalten.
„Selbstverteidigung“? Fast zeitgleich wurden im Osten Nigerias zwei
deutsche Privatpersonen gekidnappt. Hätte die Bundesregierung in
„Selbstverteidigung“ die Infrastruktur und Wohnbezirke Nigerias
zerstören dürfen?
Hier wird mit zweierlei Maß gemessen – seitens der Bundesregierung und
der internationalen Gemeinschaft. Nach internationalem Recht sind
Vereinbarungen, die unter solchen Umständen erzwungen wurden, nichtig.
Die Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates liefert somit keine
hinreichende Grundlage für den Auftritt fremder Truppen im
Hoheitsbereich des zuvor von Israel völkerrechtswidrig angegriffenen
Libanon. Dass sich das israelische Militär dabei auch schwerwiegender
Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat, ist dokumentiert. Dass die
Resolution einen Kampfauftrag der südlich des Litani-Flusses
stationierten Truppen enthält, ist ein weiterer Verstoß gegen geltendes
Völkerrecht.
Während der Kämpfe im Libanon haben sich die EU, insbesondere auch die
deutsche Regierung, geweigert, einen sofortigen bedingungslosen
Waffenstillstand zu fordern und damit den Vorstoß der israelischen
Armee und eine Eskalation gebilligt. Damit tragen sie Mitschuld am Tod
Tausender von Zivilisten, an der Vertreibung Hunderttausender und an
dem Ausmaß der angerichteten materiellen Schäden.
Die Einseitigkeit der Resolution lässt erkennen, dass die Truppen
entsendenden Regierungen sich erneut zum Erfüllungsgehilfen der
aggressiven Politik israelischer Regierungen degradieren lassen. Gegen
den Aggressor Israel sind keinerlei Sanktionen oder auch nur
Schadensersatzforderungen beschlossen worden, auch keine Forderung an
Israel, die langjährig durchgeführten Entführungen und Morde von
Menschen auf dem Gebiet des Libanon künftig zu unterlassen.
Die mörderischen Angriffe Israels auf UNIFIL-Truppen blieben ungesühnt
und die von Israel im Lauf der Jahre entführten libanesischen
Staatsbürger nicht freigelassen. Kurz: Die mit dem Libanon-Krieg
anvisierten Ziele der israelischen Regierung können mit dieser
Resolution verwirklicht werden. Auch der für den Konflikt in Nahost
ursächliche rassistische Vertreibungs- und Vernichtungskrieg gegen die
Menschen im Gaza-Streifen und in Ost-Palästina wird unverändert
weitergeführt. Diesen zu verhindern, oder auch nur einzuschränken, ist
im Aufgabenbereich der neu zu entsendenden Truppen nicht vorgesehen.
Israel ging trotz des eindeutigen Überfalls auf Gaza und auf Libanon
wieder straffrei aus. Der Angreifer wurde nicht einmal getadelt. Die
Regierungen der USA und der EU decken und stützen damit
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
Eine
„Friedenstruppe“ muss unparteilich sein und muss beide Konfliktparteien
voreinander schützen. Mit der Entsendung französischer Truppen wird der
ehemaligen Kolonialmacht Frankreich wieder eine entscheidende Rolle im
Libanon zugewiesen. Dies verstößt in eklatanter Weise gegen den
Grundsatz einer Nichtbeteiligung von Großmächten und von Staaten mit
strategischen Interessen in der Region an der Truppenstellung für
UN-Blauhelmeinsätze. Die Beteiligung der Bundeswehr an dieser Truppe
mit Seestreitkräften ist dank unserer eigenen Geschichte nicht
vertretbar und nur ein weiterer Schritt in Richtung eines unbegrenzten
weltweiten Einsatzes deutscher Truppen. Eine Beteiligung deutscher
Truppen an diesem nicht zu rechtfertigenden Feldzug wird negative
Auswirkungen auf das Ansehen Deutschlands in der Welt haben und zu
erhöhten Sicherheitsrisiken für die Menschen hierzulande führen.
Die
Bereitstellung der Mittel, die von einer Bundeswehrmission in Anspruch
genommen würden, sind viel besser in konkreter Aufbauhilfe einsetzbar
und würde positive Wirkungen auslösen. Eine sofortige Beendigung
eigener Waffenlieferungen in die Krisenregion würde ebenfalls einen
deutschen Beitrag zur Demilitarisierung des Nahen Ostens darstellen.
Richtlinien der Bundesregierung verbieten den Export von Waffen und
Kriegsgerät in Länder, die in Kriege verwickelt sind, die
Menschenrechte verletzen oder auf andere Art und Weise das Völkerrecht
brechen. Dies alles trifft im Fall von Israel zu.
Statt weiter auf militärische Lösungen zu setzen, muss endlich eine
politische Lösung unter Einbeziehung aller Konfliktpartner im Rahmen
einer Friedenskonferenz für den Nahen und Mittleren Osten auf die
Tagesordnung. Voraussetzung für einen stabilen Frieden in der Region
ist, dass alle Menschen in diesen Staaten und dem palästinensischen
Autonomiegebiet das gleiche Recht auf Sicherheit, territoriale
Integrität und Unverletzlichkeit der Grenzen haben. Das Existenzrecht
Israels liefert keine Begründung, die Rechte anderer zu verletzen. Wir
erwarten von der deutschen Bundesregierung und der internationalen
Gemeinschaft hier mit größerem Nachdruck und deutlicher
Unparteilichkeit aufzutreten.
Werden Sie bitte Ihrer Verantwortung für
den Frieden gerecht und stimmen Sie gegen die Entsendung deutschen
Militärs. Die Bundeswehr soll nötigenfalls Deutschland verteidigen. Die
geschähe aber am Hermon genauso wenig wie im Hindukusch.
Mit freundlichen Grüßen
Attac Karlsruhe Arbeitskreis„Globalisierung und Krieg“,
Forum für gesellschaftlichen Frieden Karlsruhe,
Europäische Gesellschaft für Friedensforschung und Dialog zwischen den Kulturen
19.09.2006:
Bundestagsdebatte
08.03.2007:
Olmerts Wahrheit: Israels 2. Libanonkrieg 2006 war keine spontane Reaktion auf die Gefangennahme der Soldaten, sondern ein seit langem geplanter Angriffskrieg