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Tomas Martin, Karlsruhe

(Fassung vom 17. Sept. 2004)

Über neue Sichtweisen von Arbeit

Dass industrielle Erwerbsarbeit (in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen), aus deren Abgaben der Staat überwiegend seine Einnahmen für soziale Aufga-ben bezieht, eine Sackgasse ist, wurde bereits in den sechziger Jahren deutlich. (Weshalb Industriesoziologen von den “verlorenen sechziger Jahren”, nämlich verloren für Reformen!, sprechen.) Ein Festhalten daran führt, wie wir sehen, zu bleibender Massenarbeitslosigkeit und finanziellen Engpässen im Sozialen.

Die Tatsache, dass man diese Art von industrieller Erwerbsarbeit mit Vollbe-schäftigung, wie sie im Nachkriegsdeutschland kurzzeitig herrschte, eines Tages eher als eine historische Ausnahme wird sehen müssen, wurde und wird von vie-len klugen Beobachtern aus Forschung und Praxis deutlich gesehen und seit Längerem publiziert. Aus diesem Material sei im Folgenden Einiges zusammen gestellt.

Vertreibung aus dem Paradies

Arbeit begann mit der Vertreibung aus dem Paradies: “…weil du gegessen von dem Baume…Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.” (Genesis: Mose, 1. Buch, Kap. 3, 1-19)

Arbeit als Mühsal also! Jedoch “geht nun der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus” (U. Beck), so dass André Gorz in seinem Buch “Wege zurück ins Paradies” (1969) ein Modell entwickeln kann, in dem der Bürger ein immer kleiner wer-dendes Kontingent von Lebensarbeitszeit für das Gemeinwesen wird ableisten müssen, nehmen wir mal an – noch zwanzig Jahre. Und Gorz möchte das dann so gestalten, dass der Bürger frei entscheiden kann, in welchem Lebensalter und in welchen Chargen er diesen Dienst ableistet. In der arbeitsfreien Zeit zahlt der Staat ihm ein ausreichendes Grundeinkommen.

Ursachen der sogenannten Arbeitslosigkeit

Das Phänomen, dass “die Arbeit ausgeht”, tritt im Wesentlichen nur in den In-dustrieländern auf. Ursachen sind zum Einen die Rationalisierung der Prozesse, neue Technologien, Produktinnovationen, neue Werkstoffe, massive Computeri-sierung, nun auch bei Dienstleistungen; zum Anderen unser Wirtschaftsimperia-lismus, indem wir uns die Rohstoffe und die Arbeitskraft der ärmeren Länder zu erzwungenermaßen extrem niedrigen Preisen aneignen.

Diese sog. Entwicklungsländer wären besser dran, wenn sie überhaupt arbeiten dürften, d.h., wenn sie in die Lage versetzt würden, sich mit ihrer eigenen Hände und Köpfe Arbeit zu ernähren.

Notwendigkeit eines neuen Begriffs von “Arbeit”

Wenn der Bedarf an abzuleistenden Arbeitsstunden tatsächlich abnimmt, dann wird der Einzelne, dessen Identität bisher sehr stark durch bezahlte Arbeit be-stimmt war, diese in Zukunft anders finden müssen. Berichte von Ärzten schil-dern die bedenklichen psychischen Befindlichkeiten von Langzeitarbeitslosen und ausbildungslosen Jugendlichen überdeutlich.

In Zukunft müsste jede Tätigkeit gleichwertig anerkannt werden: Elternarbeit, Ehrenamtliche, Pflege, Nachbarschaftshilfe, Naturschutz, etc. Dafür wird immer stärker ein allgemeines, rechtlich abgesichertes Grundeinkommen gefordert. Dieses könnte die Flexibilität erzeugen, um all diese neuen Tätigkeiten zu er-kunden und zu ergreifen.

Im Konzept der “Tätigkeitsgesellschaft” (G. Mutz, 1997) gibt es drei Schichten gesellschaftlich nützlicher Tätigkeiten:

F. Hengsbach stellt sich seine “Arbeitsgesellschaft” mit dem neuen politischen Ziel einer Vollarbeit anstelle der Vollbeschäftigung vor. Diese enthält folgende vier Elemente:

W. Dettling erklärt in seiner Betrachtung “Jenseits der Erwerbsarbeit” die neue soziale Auseinandersetzung: an die Stelle des Kampfes gegen Ausbeutung tritt derjenige gegen Ausgrenzung!

Der Übergangsarbeitsmarkt

Die Verfasser (C. Haak, G. Schmidt, WZB, 1999) verstehen darunter gesetzlich garantierte und sozial abgesicherte Brücken zwischen Arbeitszeiten (voll/teil), unterschiedlichen Beschäftigungsformen, Bildungs/Erziehungszeiten etc. Voll-beschäftigung ist dabei eher die Ausnahme (wie das bei einer zunehmenden An-zahl von Menschen der Fall ist).

Vom Ansatz her ist in Deutschland die Sozialversicherung für Künstler ein Bei-spiel. Dabei zahlt der Staat den Arbeitnehmeranteil.

Und zwei Beispiele von anderen Ländern:

In Österreich bekommt man bei Jobwechsel eine Abfindung durch eine Mitar-beiterversorgungskasse.

In der Schweiz bekommt man bei Jobwechsel ein Zwischengeld von der Lohn-versicherung, die 80 % des letzten Einkommens sicher stellt.

Das Wesentliche bei diesen Ansätzen ist, dass man hier Rechte hat, anstatt auf Almosen es Staates angewiesen zu sein.

Ehrenamtliche Arbeit (gemeinnützig, non-profit)

Laut F. Scharpf (MPI f. Ges.forschg., Köln) vereinigt Deutschland die extremen Verhältnisse (und damit die Nachteile) von Schweden und USA. Im privaten Non-profit-Bereich haben wir so wenig Beschäftigte wie in Schweden und im öffentlichen Bereich so wenig wie in USA.

Unsere Ausgaben für soziale Dienstleistungen sind so mager wie in USA, wir beschäftigen jedoch anteilig nur halb so viele Menschen (3,7%) wie dort (6,8%).

Grundeinkommen/Existenzgeld/Bürgergeld

Die Intention dieser Forderung ist die Trennung von Geld und Arbeit und damit die Abschaffung der Lohnarbeit. Das Geld verliert seine Rolle als Machtmittel, da der Profit nicht mehr vom Lohn abgezogen werden kann. Geld zum Lebens-unterhalt wird zu einem Recht. Und die sozialen Zahlungen des Staates verlieren ihren Charakter als Almosen. (Siehe auch GG Artikel 12.)

Ursprünge:

1526 Memorandum von J.L.Vivos an den Bürgermeister von Brügge. Später schlugen es die Nobelpeisträger für Wirtschaft Jan Tinbergen, James Mead und James Tobin vor.

Milton Friedmann in seinem Buch “Kapitalismus und Freiheit (1962): Die Idee einer negativen Einkommenssteuer (in USA in Form des Earned Income Tax Credit verwirklicht). Sie richtet sich nach dem Bedarf, fällt ab einer bestimmten Einkommensgrenze weg und ist darüber per Steuer zurück zu zahlen.

In Norwegen gibt es bereits ein Garantieeinkommen für Künstler.

Auch in dem Dreigliederungsansatz von R. Steiner ist diese Forderung enthal-ten: Lebensunterhalt als Grundrecht (Prinzip Gleichheit); Arbeiten heißt: an der Gemeinschaft teilnehmen, etwas für Andere tun (Prinzip Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben). Oder: Arbeit als Lebenswert.

Zukunft des Arbeitsrechts

Ein neues zukunftsorientiertes Arbeitsrecht für Europa (A. Supiot) muss:

Zusammenfassung

Das Ziel sollte sein, die Erwerbsarbeitsgesellschaft in eine Tätigkeitsgesellschaft zu verwandeln, in der Niemand diskreditiert wird, weil er nicht herkömmlich beschäftigt ist.

Die Mittel für die Finanzierung des Rechtes auf Lebensunterhalt muss und kann nur vom Erlös der Gesamtgesellschaft abgeschöpft werden, insbesondere für eine Sozialversicherung für jeden Bürger, egal welcher Tätigkeit oder sinnvoller Tätigkeitspause er nachgeht.

Dateiname: Größe: Kommentar:
 Tomas_Martin_Begriff_Arbeit_040916a.rtf 16 kB Dokument zum Herunterladen

Version r1.3 - 02 Sep 2005 - 05:02 GMT - AttacGast
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