John & Jane

Wenn ein US-Verbraucher eine kostenfreie 1-800-Nummer wählt, wird ihm kaum auffallen, dass er womöglich mit einem Callcenter in Indien verbunden ist. Die dortigen Callagents haben ein Sprachtraining absolviert und können selbst Regionaldialekte perfekt imitieren. Bis zu 14 Stunden arbeiten sie täglich bzw. des Nachts wegen der Zeitverschiebung. Sie befinden sich in einem irrealen Zwischenreich: Als "virtuelle Amerikaner" mit texanischem Akzent haben sie sich Pseudonyme zugelegt. Sie sind "John" oder "Jane Doe", die amerikanischen Mustermänner. Einige der Callagents gehen derart in ihrer geliehenen Identität auf, dass sie nur noch englisch sprechen wollen und sich die Haare blond färben.

Im Dokumentarfilm von Ashim Ahluwalia kommen sechs Callagents zu Wort und werden bei ihrer Arbeit gezeigt. Sowohl kritische Stimmen als auch eine affirmativere Haltung und Identifikation mit dem amerikanischen Lifestyle kommen im Film zum Ausdruck. "John & Jane" ist das Tagebuch einer Entfremdung. Die Ortlosigkeit der globalen Ökonomie entspricht der freundlichen Unverbindlichkeit, mit der die Callagents am Telefon agieren.

Die Zukunft moderner Beschäftigungsverhältnisse, die soziale und kulturelle Traditionen durch Flexibilität und normiertes Verhalten ersetzen, wird hier erlebbar.